Bernhard Buchhas
— ein No-Name!
Ein Mann mittleren Alters — wobei „mittel“ hier weniger ein Lebensabschnitt ist als ein dauerhafter Aggregatzustand des Dazwischenseins. Weder jung genug, um Fehler als Erfahrung zu verbuchen, noch alt genug, um auf sie mit Würde zu verzichten.
Sein Gesicht ist das Gesicht eines Menschen, der sehr früh begriffen hat, dass die Fragen wichtiger sind als die Antworten — und der dafür hin und wieder bestraft wird, bis heute.
Er philosophiert nicht.
Nicht laut. Nicht performativ. Sondern mit der stillen, erschöpften Präzision eines Mannes, der schon am frühen Morgen — noch vor dem ersten Kaffee — daran zweifelt, ob Kausalität ein Trost oder eine Drohung ist.
Camus hat er gelesen, usw., … zweimal. Beim ersten Mal mit Hoffnung, beim zweiten Mal mit dem Verdacht, dass Sisyphos nicht glücklich war — sondern nur zu höflich, um es zuzugeben.
Das Absurde ist sein Heimatland.
Er weiß, dass die Welt keine Antwort schuldet. Er fragt trotzdem. Täglich. Mit einer Hartnäckigkeit, die — je nach Perspektive — entweder heroisch oder herzzerreißend ist.
Er lacht manchmal. Kurz, trocken, im falschen Moment. Es ist das Lachen von jemandem, der die Pointe verstanden hat — und wünscht, er hätte sie nicht verstanden.
Er weiß, dass er nichts weiß. Aber er weiß es mit erschreckender Präzision.
Sokrates hatte dasselbe Problem — und wurde dafür hingerichtet. Er hingegen wird ignoriert, was er manchmal schlimmer findet. Das Wissen des Nichtwissens ist bei ihm kein bescheidener Anfang, sondern ein vollständig ausgebautes Lebenswerk. Er hat die Unwissenheit kartografiert, archiviert, in Unterkategorien gegliedert.
Er beobachtet. Erschöpfend. Sich selbst eingeschlossen.
Sein Beobachtungsüberschuss ist sein eigentliches Leiden. Andere Menschen sehen einen Baum. Er sieht einen Baum, fragt sich, ob der Baum sich selbst als Baum versteht, bezweifelt seine eigene Wahrnehmung des Baumes, beobachtet sich beim Bezweifeln — und hat inzwischen den Baum aus den Augen verloren. In der Psychiatrie nennt man das problematische Hyperreflexion. Er nennt es Dienstag.
Das Selbstverständliche ist ihm ein Rätsel.
Dass Menschen morgens aufstehen — warum eigentlich? Dass sie „Danke“ sagen und dabei meistens nichts meinen. Das Selbstverständliche ist ihm nie selbstverständlich — und das macht jeden Supermarktbesuch zu einem kleinen existenziellen Abenteuer und jede Begrüßung zu einem philosophischen Risiko.
Was er wirklich sucht?
Nicht Smalltalk. Nicht das höfliche Nicken im Aufzug. Nicht das „Wie geht’s?“ ohne Reizpause. Er sucht den Moment, in dem zwei Menschen einander wirklich treffen — ohne Rolle, ohne Schutzabstand, ohne die vertraute Kulisse des Funktionierens. Er nennt es unerreichbar — aber hört trotzdem nicht auf, danach zu suchen, in Gesprächen, in Blicken, gelegentlich auch in der Warteschlange beim Bäcker, was regelmäßig zu Missverständnissen führt. Das Problem ist immer die Begegnung mit einem anderen Bewusstsein. Jedesmal ein spannender Versuch, auf der Nadelspitze platzzunehmen.
Und das alles — der Not der Welt zum Trotz.
Er sieht die Not. Er schaut nicht weg. Er weiß, dass Sisyphos seinen Stein wälzt, während anderswo Menschen hungern, Kriege lodern, Algorithmen entscheiden. Er philosophiert nicht statt dieser Welt, sondern gegen sie — mit dem stillen, hartnäckigen Eigensinn eines Mannes, der glaubt, dass das Denken selbst eine Form des Widerstands ist. Vielleicht irrt er sich?
Mein Manifest des Älterwerdens
Es kommt eine Stunde, in der man, ohne es bemerkt zu haben, vom Schiff der Jugend an ein fremdes Ufer übergesetzt ist — nicht durch Sturm noch durch eigene Wahl, sondern durch jene leise, beständige Strömung der Tage, die uns trägt, ohne uns zu fragen. Und siehe da: das gefürchtete Ufer erweist sich, kaum hat man den Fuß ans Land gesetzt, als heimisch.
Ich habe meine Jugend geliebt, wie man eine ungestüme Geliebte liebt — mit Atemnot, mit Selbstzweifel, mit jener fieberhaften Eile, alles zugleich besitzen zu wollen. Doch heute, da ich an meiner Bauchfalte entlangstreiche, als wäre sie eine Auszeichnung, weiß ich: nichts würde ich tauschen, was mich zu dem gemacht hat, der ich bin — keine einzige Falte, keine einzige Narbe.
Denn dies ist die heimliche Würde des Alters: man ist endlich bei sich angekommen. Man ist sein eigener Freund geworden — und dieser Freund, ich gestehe es mit verspäteter Zärtlichkeit, ist mir teurer als so mancher Gefährte aus den lauten Jahren. Glaubt mir, man muss mit sich selbst gut befreundet sein.
Ich esse Cremeschnitten, wenn mir danach ist, und mein Bett bleibt ungemacht, sooft mir die Anarchie des Vormittags lieber ist als die Disziplin der Hausfrau. Ich kaufe auch das Unnütze, denn das Unnütze ist, recht besehen, manchmal das einzig Sinnvolle. Wer in fünfzig Jahren nicht begriffen hat, dass oft nur das Überflüssige uns das Gefühl gibt, am Leben zu sein, der hat fünfzig Jahre unvollständig gelebt.
Ich habe das Recht, hin und wieder exzentrisch zu sein. Ich habe es mir nicht erkauft, ich habe es mir verdient — durch jede zerbrochene Liebe, jede begrabene Illusion, jeden Freund, den ich vor seiner Zeit verloren habe und der, wo immer er nun sein mag, niemals erfahren wird, wie still und milde die späten Jahre werden können.
Ich vergesse manches. Welch Geschenk! Das Gedächtnis, dieser strenge Buchhalter unseres Lebens, hat endlich gelernt, gnädig zu sein. An das Wesentliche erinnere ich mich; das Übrige darf in jenem hellen Nebel versinken, aus dem die Toten uns zuweilen zulächeln.
Und wenn ich an manchen Sommernachmittagen mit unpassender Badehose hinab ins Meer steige und mich, der Blicke der Jüngeren ungeachtet, in die Wellen werfe, so tue ich es im stillen Bewusstsein, dass auch sie eines Tages an dieselbe Stufe gelangen werden — und dass zwischen uns nichts liegt als der Vorsprung der Erfahrung.
Was die Welt von mir denkt, hat mich verlassen, wie der Schatten einen verlässt, wenn die Sonne im Zenit steht. Ich habe mir das Recht erworben, zu irren — jenes vornehme Recht, von dem nur die mündig gereiften Alten den vollen Gebrauch zu machen wissen, weil sie begriffen haben, dass jeder eigene Irrtum schöner ist als die korrekteste Anpassung an das Fremde.
Ich werde nicht ewig leben; ich weiß es ohne Bitterkeit. Doch solange diese Tage mir geschenkt sind, will ich sie nicht damit verbringen, dem Vergangenen nachzutrauern oder dem Künftigen zu misstrauen. Ich will, was ist. Und wenn die Sehnsucht es verlangt, esse ich zu jeder Mahlzeit ein Dessert.
Denn dies, meine lieben Freunde, ist das letzte und kostbarste Geheimnis: Man hat aufgehört, das Leben zu erwarten. Man lebt es endlich.
Gedanken, an denen ich mich immer wieder orientiere
- Ockhams Gesetz
- Die einfachste Erklärung ist meistens die richtige.
- Illichs Gesetz
- Ab einem bestimmten Punkt führt mehr Einsatz nicht zu mehr Ergebnis, sondern zur Erschöpfung.
- Zipfs Gesetz
- Ein kleiner Teil sorgt immer für den größten Teil der Ergebnisse.
- Conways Gesetz
- Was du erschaffst, spiegelt immer das Umfeld wider, in dem du dich befindest.
- Godwins Gesetz
- Je länger eine Diskussion dauert, desto wahrscheinlicher wird sie bedeutungslos.
- Wilsons Gesetz
- Wenn du Intelligenz und Wissen priorisierst, werden Erfolg und Wohlstand folgen.
- Amaras Gesetz
- Wir überschätzen, was kurzfristig passiert, und unterschätzen, was langfristig möglich ist.
Wer lebt, hat noch Hoffnung. Also iss dein Brot, trink deinen Wein und sei fröhlich dabei! Denn Gott hat schon lange sein Ja dazu gegeben. Trag immer schöne Kleider und salbe dein Gesicht mit duftenden Ölen! Genieße das Leben mit der Frau, die du liebst, solange du dein vergängliches Leben führst, das Gott dir auf dieser Welt gegeben hat. Genieße jeden flüchtigen Tag, denn das ist der Lohn für deine Mühen. Wenn du etwas tust, dann sei mit vollem Einsatz bei der Sache! Denn im Totenreich, wohin auch du einmal gehen wirst, ist es vorbei mit allem Denken und Tun, dort gibt es weder Erkenntnis noch Weisheit.
— Ekklesiastes